Neue Einstufung und Kennzeichnung borsäurehaltiger Produkte

Auswirkung neuer gesetzlicher Regelungen auf die Anwendung von borsäurehaltigen Kühlschmierstoffen (KSS)

Vorab die vielleicht wichtigste Aussage: Die Verwendung von Borsäure in KSS-Konzentraten bzw. die Anwendung von borsäurehaltigen KSS ist und bleibt zunächst zulässig. Es kommen allerdings sowohl auf die KSS-Hersteller, als auch auf die Anwender einige Änderungen zu, die die Einstufung, Kennzeichnung, Gefährdungsbeurteilung und die Kommunikation in der Lieferkette betreffen.

Der gesetzliche Rahmen

Gemäß der europäischen CLP(1)-Verordnung (1272/2008/EG) ist am 01.12.2010 die Übergangsfrist zur Neueinstufung von Borsäure abgelaufen. Seit diesem Termin muss der Stoff Borsäure und auch Zubereitungen, die mehr als 5,5 % Borsäure enthalten, als reproduktionstoxisch, Kategorie 2, klassifiziert und gekennzeichnet werden.

Ab 01.06.2015 müssen dann Rezepturen mit Borsäuregehalten ab 5,5% gemäß CLP, der europäischen Umsetzung des internationalen GHS-Einstufungs und –Kennzeichnungssystems, klassifiziert und gelabelt werden.
Für reproduktionstoxische Stoffe und Zubereitungen muss dann das Piktogramm für die Zielorgantoxizität, der so genannte explodierende Körper, auf dem Gebindeetikett erscheinen.

Einstufung und Kennzeichnung:

Reproduktionstoxisch, Kategorie 1B (Wahrscheinlich reproduktionstoxischer Stoff);
H 360F (Kann die Fruchtbarkeit beeinträchtigen),
H 360D (Kann das Kind im Mutterleib schädigen)
Signalwort: Gefahr

Seit Juni 2010 befindet sich Borsäure darüber hinaus auf der so genannten SVHC(2)-Kandidatenliste nach Artikel 57 bzw. 59 der REACh-Verordnung. Diese Liste beinhaltet Stoffe, welche hinsichtlich der Gefährdungspotentiale für Mensch und Umwelt durch die EU-Behörden besonders begutachtet werden. Nachdem die Borsäure auf der SVHC-Kandidatenliste ist steht die Entscheidung an, ob Borsäure zulassungspflichtig wird.  Bei zulassungspflichtigen Stoffen müssen die verschiedenen Anwendungen von der Industrie angemeldet werden. Unter Umständen wird für eine, mehrere oder auch alle Anwendungen keine Zulassung erteilt, so dass ab einem bestimmten Zeitpunkt die Vermarktung eingeschränkt oder auch komplett verboten wird. Es ist nicht auszuschließen, dass Borsäure in Zukunft ein zulassungspflichtiger Stoff sein wird. Ob eine Zulassung zur Anwendung in KSS erteilt werden würde ist heute schwer abzuschätzen, aber nicht unwahrscheinlich.

Besonderheiten im Umgang mit borsäurehaltigen wassermischbaren KSS

Maßgeblich für die Entscheidung, ob ein borsäurehaltiger KSS als reproduktionstoxisch eingestuft werden muss oder nicht, ist der Gehalt an freier Borsäure. Liegt der Gehalt an freier Borsäure unter 5,5 %, aber oberhalb von 0,1%, ist die Borsäure in Kapitel 15 als SVHC-Stoff und in Kapitel 3 als reproduktionstoxischer Stoff mit T R60/61 auszuweisen, aber es erfolgt keine Kennzeichnung des Produktes als gefährliche Zubereitung.

Der Anwender von borsäurehaltigen KSS sollte sich von seinem KSS-Lieferanten, z.B. über ein aktuelles Sicherheitsdatenblatt, die Bestätigung einholen, dass sein Produkt unterhalb des Grenzwertes von 5,5 % liegt und somit nicht gekennzeichnet werden muss. Dabei ist zu beachten, dass eine Pflicht zur Nennung der Borsäure als Gefahrstoff im Sicherheitsdatenblatt seit dem 01.12.2010 besteht.

Der Gehalt an freier Borsäure liegt in allen Oemeta-KSS deutlich unter 5,5 %, d.h. eine Kennzeichnung des KSS-Konzentrats als Gefahrstoff ist nicht notwendig. Den entsprechenden Nachweis hat Oemeta im Rahmen einer gemeinsamen Studie mit dem VSI(3), VKIS(4), der BG Metall Nord Süd, der IG Metall und namhaften deutschen KSS-Herstellern erbracht. Bei dieser Studie wurden mit über 50 KSS-Proben 11Bor-NMR-Messungen durchgeführt. Ziel dieser Untersuchung war festzustellen, in wieweit die rezepturseitig eingesetzte Borsäure mit den ebenfalls im Produkt enthaltenen Alkalien reagiert. Nur die nicht umgesetzte, freie Borsäure ist maßgeblich für die Berücksichtigung der Borsäure bei der Einstufung und Kennzeichnung der Zubereitung. Der Gehalt an freier Borsäure liegt grundsätzlich deutlich unter 5 %, aber über der Berücksichtigungsgrenze von 0,1%.

Seit März 2007 ist für Deutschland ein gesundheitsbasierter Arbeitsplatzgrenzwert (AGW) von 2,6 mg/m³ für Borsäure in der Raumluft in Kraft. Dieser Borsäure- AGW muss ebenfalls im Sicherheitsdatenblatt genannt werden (Kapitel 8). Die Definition eines AGW bedeutet, dass bei Einhaltung akute oder chronische gesundheitliche Schäden nicht zu erwarten sind. Erste Messergebnisse zeigen, dass selbst beim Umgang mit kristalliner Borsäure, während der Herstellung von KSS-Konzentraten, der Grenzwert nicht überschritten wird. Für den Anwender bedeutet das, dass bei der Verwendung von nicht gekennzeichneten, borsäurehaltigen KSS, in Bearbeitungssystemen bei denen KSS-Aerosole nach dem Stand der Technik minimiert werden, eine Gefährdung der Mitarbeiter durch die reproduktionstoxische Wirkung der Borsäure ausgeschlossen werden kann.

Im Zuge einer optimalen Kommunikation in der Lieferkette hat Oemeta schon Mitte letzten Jahres allen Anwendern von borsäurehaltigen Oemeta-KSS CLP-konforme Sicherheitsdatenblätter zukommen lassen.

Weitere Informationen zu diesem Thema finden sie unter:

http://www.vsi-schmierstoffe.de

(1) CLP = Classification, Labelling and Packaging of Chemicals
(2) SVHC = Substances of Very High Concern
(3) VSI = Verband Schmierstoff-Industrie
(4) VKIS = Verbraucherkreis Industrieschmierstoffe